Risikomanagement

Neue Herausforderungen durch MiFID II und die Digitalisierung

Ein Gespräch mit Torben Beuge, Spezialist für Risikomanagement Agrar.

veröffentlicht am 08.01.2018 |  
Torben Beuge

Torben Beuge

Spezialist für Risikomanagement Agrar

Tags: #Agrar- & Ernährungswirtschaft #Risikomanagement

Die Agrar- und Ernährungswirtschaft steckt inmitten eines großen Veränderungsprozesses. Themen wie Risikomanagement, der Handel von Rohstoffen an der Börse und die zunehmende Digitalisierung gewinnen immer mehr an Bedeutung. Ein Gespräch mit Torben Beuge, Spezialist für Risikomanagement Agrar bei der NORD/LB in Bremen.

Die Genossenschaften warnen, dass Spekulanten wie Investment- und Fondsgesellschaften künftig den Handel mit Agrarrohstoffen bestimmen könnten. Was meinen Sie?

"Mit der Einführung von MiFID II wird es eine stärkere Transparenz über die Marktaktivitäten – analog zu den USA – geben."

Die Befürchtung teile ich nicht. Schließlich ist der Einfluss dieser Marktteilnehmer aufgrund der bestehenden Börsenregularien begrenzt. Es gibt an fast allen Börsen Positionslimite im sogenannten Liefermonat. So auch für die bei den Genossenschaften im Fokus stehende Agrarbörse Euronext Commodities (MaTIF). Hier darf beispielsweise ein Marktteilnehmer für den am 12.03.2018 zur Lieferung anstehenden Weizen-Future max. 3.620 Kontrakte bzw. 181.000 Tonnen am Liefertag halten. Dies entspricht etwa 20 Prozent des durchschnittlichen Handelsvolumens eines Tages in dieser Future-Fälligkeit.

Welche Rolle spielt hierbei die neue MiFID II- Richtlinie?

Mit der Einführung von MiFID II wird es eine stärkere Transparenz über die Marktaktivitäten – analog zu den USA – geben. Denn mit MiFID II werden Warentermingeschäfte erlaubnispflichtig und Positionslimite unabhängig von der Börse eingeführt.

Gilt das auch für Marktteilnehmer, die den Handel zur Absicherung ihrer physischen Bestände betreiben?

Diese Marktteilnehmer können bei der BaFin einen Antrag auf Nebentätigkeitsausnahme stellen und werden damit von der Erlaubnispflicht befreit. Zudem können sie einen Hedging-Antrag stellen, sofern sie die Positionslimite überschreiten sollten.

Spekulanten gelten häufig als Trendverstärker. Werden sie künftig Preisbewegungen beeinflussen?

Das wird sich sicherlich nicht vermeiden lassen. Allerdings ist als positiv herauszustellen, dass das spekulative Kapital oftmals die so dringend benötigte Liquidität in einen Future bringt. Erst damit können sich alle Marktteilnehmer inklusive der Genossenschaften über die Agrar-Future absichern.

Sehen Sie die Gefahr, dass dadurch Grundprodukte der Ernährung zum Spielball von Spekulationen werden?

Diese Frage haben wir in den vergangenen Jahren mehrfach bewegt. Letztlich muss man aber festhalten, dass in der letzten Dekade nachhaltig kein höheres Preisniveau in den Grundprodukten zu sehen ist, welches sich eindeutig auf das spekulative Kapital zurückführen lässt. Vielmehr muss man berücksichtigen, dass durch eine hohe Liquidität an den Future-Märkten alle Markteilnehmer aus der Agrar- und Ernährungsbranche ihre physischen Bestände und Kontrakte gegen Preisschwankungen absichern können. Dies sichert vielen Unternehmen trotz geringer Margen auskömmliche Erträge und damit letztlich dem Verbraucher eine größere Vielfalt an Produkten und Anbietern.

Wie hat sich die NORD/LB in diesem Geschäft positioniert?

Wir betreiben keinen Eigenhandel, sondern ausschließlich das Kommissionsgeschäft für unsere Kunden. Bei allen Aktivitäten steht die Hedging-Absicht der Kunden im Vordergrund. Kunden, die diese Instrumente zur Spekulation nutzen wollen, erhalten über die NORD/LB keinen Zugang.

Kommen wir zum Thema Digitalisierung: Der Sprung der Landwirte in die Digitalisierung läuft, doch dafür braucht es Geld und Finanzierungen: Mit welchen Programmen und Mitteln ist die NORD/LB dabei?

"Für die Zukunft stelle ich mir eine noch engere Verbindung zwischen physischem Handel, Absicherungsgeschäften und der für die Abwicklung wichtigen Logistik vor."

Jede Investition im Bereich Technik oder Stallbau ist gleichzeitig eine Investition in verbesserte Digitalisierung. Von daher werden hierfür keine speziellen Programme oder Fördertöpfe gebraucht. Vielmehr werden für die Finanzierungen bestehende Refinanzierungsquellen genutzt. Ich denke da vor allem an die Landwirtschaftliche Rentenbank und die KfW.

Digitale Plattformen für den Handel sind noch relativ neu. Welche Möglichkeiten sehen Sie hier?

Die heutigen Gespräche sind oftmals von der Frage geprägt, wie unser Handelssystem und unsere Abrechnungen mit den Warenwirtschaftssystemen der Kunden verbunden werden können. Hier arbeiten wir an diversen Lösungen. Für die Zukunft stelle ich mir eine noch engere Verbindung zwischen physischem Handel, Absicherungsgeschäften und der für die Abwicklung wichtigen Logistik vor. Dabei sehe ich nach dem Vorbild der Blockchain-Technologie das Potenzial, die heutigen Geschäftsprozesse in der Agrar- und Ernährungswirtschaft weiter zu digitalisieren und damit effizienter zu gestalten. Es geht darum, den Warenfluss und alle damit verbunden Transaktionen in einer für alle Prozessbeteiligten verfügbaren Datenbank zu erfassen und transparent zu machen. Veränderungen von Informationen sind dann für alle valide und haben ein hohes Maß an Integrität.

Sie bieten Ihren Kunden schon jetzt das „Echtzeit-Trading“ an unterschiedlichen Warenterminbörsen an. Wie wird das nachgefragt?

Den elektronischen Handel bieten wir bereits seit 2012 an. In den letzten viereinhalb Jahren ist die Akzeptanz stetig gestiegen. Heute werden in Abhängigkeit von der Marktphase bis zu 75% der Future-Kontrakte von unseren Kunden eigenständig online gehandelt.

"Heute werden in Abhängigkeit von der Marktphase bis zu 75% der Future-Kontrakte von unseren Kunden eigenständig online gehandelt."

Inwieweit fördern Sie den Weg der Landwirte in das neue digitale Zeitalter?

Der Antritt kommt von den Landwirten selbst. Nehmen Sie das Beispiel Kuhstall: In modernen Ställen werden alle produktionstechnischen Daten rund um die Kuh digital erfasst, zum Beispiel Milchmenge, Milchinhaltsstoffe und Futteraufnahme. Auch der Melkvorgang und das Füttern erfolgen häufig automatisch. Wenn eine Kuh krank ist, kann dies anhand eines Bewegungsprofils bereits erkannt werden, bevor die Symptome voll ausgeprägt sind. Man könnte sogar so weit gehen und behaupten, dass bei modernen, zukunftsorientierten Betrieben der Grad der Digitalisierung sehr viel höher ist, als in vielen anderen Wirtschaftsbereichen. Wir unterstützen und fördern diese Entwicklung selbstverständlich. Darüber hinaus sind wir durch die Nähe zu unseren Kunden immer auf dem aktuellen Stand der Entwicklung.

Woran denken Sie, wenn Sie fünf Jahre vorausschauen?

"Die Herausforderung für die Branche wird es sein, diese bereits vorhandenen digitalen Strukturen weiter auszubauen und vor allem zu vernetzen, damit alle Informationen für jeden Beteiligten nachvollziehbar und valide zur Verfügung stehen."

In fünf Jahren werden wir sicherlich ein ganzes Stück weiter sein. Die digitalen Angebote aus dem privaten und genossenschaftlichen Handel für die Landwirtschaft befinden sich bereits heute im Ausbau. Auch auf der Produktionsseite in der Landwirtschaft ist man auf einem guten Weg. Denken Sie zum Beispiel an die modernen Erntemaschinen, die GPS-gesteuert über die Felder fahren und deren Arbeitsleistung in Echtzeit vom Besitzer über Webportale überwacht wird. Außerdem sind uns heute schon Webportale für den Vertrieb von Betriebsmitteln bekannt. Die Herausforderung für die Branche wird es sein, diese bereits vorhandenen digitalen Strukturen weiter auszubauen und vor allem zu vernetzen, damit alle Informationen für jeden Beteiligten nachvollziehbar und valide zur Verfügung stehen.

Unsere Spezialisten freuen sich auf Sie

Vereinbaren Sie jetzt einen Gesprächstermin!

War dieser Artikel hilfreich?