Erneuerbare Energien

Bürgerwindparks dominieren erste Ausschreibungsrunde

Jürgen Broers, Finanzierungsexperte für Erneuerbare Energien, über die Ergebnisse der ersten Ausschreibungen für Windkraft an Land und die Rolle von Bürgerenergieprojekten im Rahmen des EEG 2017

veröffentlicht am 30.05.2017 |  
Jürgen Broers

Jürgen Broers

Spezialist für Erneuerbare Energien

Tags: #Erneuerbare Energien

Mit dem Inkrafttreten des Erneuerbaren Energie Gesetzes (EEG) 2017 wird die Höhe der Vergütung für Strom aus Erneuerbaren Energien nicht mehr gesetzlich festgelegt, sondern im Rahmen von Ausschreibungen im Wettbewerb der Projekte ermittelt. Die erste Ausschreibungsrunde für Windenergieanlagen an Land mit einem Volumen von 800 Megawatt (MW) ist gerade beendet – mit einem positiven Ergebnis für Bürgerenergiegesellschaften: 96 Prozent des Zuschlagsvolumens gingen an sie. Ein Gespräch mit Jürgen Broers, Finanzierungsexperte für Erneuerbare Energien bei der BLB.

Wesentliche Bestandteile des EEG, die für den Erfolg der Erneuerbaren wesentlich verantwortlich waren, haben weiterhin Bestand: zum Beispiel der Einspeisevorrang, die Abnahmepflicht für den erzeugten Strom und der Netzzugang.
- Jürgen Broers

Herr Broers, waren auch Sie von diesem Ausschreibungsergebnis überrascht?

Ja. Ich habe zwar geahnt, dass der Anteil der Bürgerenergieprojekte höher sein würde als zum Beispiel in der ersten Runde der Photovoltaik-Ausschreibungen 2016. Aber dass 65 Bürgerenergieprojekte mit einem Volumen von 776 MW gleich 96 Prozent des Zuschlagvolumens erhalten haben, hat auch mich erstaunt.

Was hat sich für die Windmüller im Ausschreibungsverfahren konkret verändert?

Bislang war die Vergütung je produzierter Kilowattstunde für einen Zeitraum von 20 Jahren – in Abhängigkeit von dem jeweiligen Inbetriebnahme-Datum – konkret aus dem EEG abzuleiten. Dieses hat sich nun geändert: Im Ausschreibungsverfahren wird die Höhe der Förderung im Bieterverfahren ermittelt. Hierzu wird auf den sogenannten „anzulegenden Wert“ an einem standardisierten Standort geboten. Nach Erteilung des Zuschlages hat der Windmüller wieder eine feste, verlässliche Kalkulationsbasis. Wesentliche Bestandteile des EEG, die für den Erfolg der Erneuerbaren wesentlich verantwortlich waren, haben weiterhin Bestand: zum Beispiel der Einspeisevorrang, die Abnahmepflicht für den erzeugten Strom und der Netzzugang.

Wie beurteilen Sie die Formvorschriften des Ausschreibungsverfahrens – sind diese für jeden erfüllbar?

Die Formvorschriften sind sehr streng. Hält ein Bieter sie nicht ein, wird er vom Bieterverfahren ausgeschlossen. Was beispielsweise bei den ersten Ausschreibungen für Strom aus Photovoltaik häufig der Fall war. In der ersten Gebotsrunde „Wind an Land“ wurden nur zwölf von 256 Geboten vom Verfahren ausgeschlossen. So kommt die Bundesnetzagentur zu dem Schluss, dass das Verfahren von den Bietern verstanden wurde und die Anforderungen an die Gebote erfüllbar waren. Zu diesem vergleichsweise guten Ergebnis dürfte auch die Verbandsunterstützung beigetragen haben. Der Bundesverband Windenergie hatte für seine Mitglieder flächendeckend Praxistage mit Fachanwälten angeboten.

Ist es richtig, dass die maximale Zuschlagsmenge im Norden Deutschlands begrenzt wird?

Ja, der Gesetzgeber spricht hier von einem Netzausbaugebiet. In diesem Gebiet, das die Länder Schleswig-Holstein, Bremen und Hamburg sowie den Norden von Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen abdeckt, sind in den vergangenen Jahren sehr viele Windenergieanlagen errichtet worden, was zu Engpässen bei der Übertragung geführt hat. Um eine weitere Verschärfung zu vermeiden, deckelt der Gesetzgeber daher in diesem Gebiet die maximale Zuschlagsmenge in der Ausschreibung auf ein Volumen von 258 MW. Diese Grenze wurde laut Bundesnetzagentur in der letzten Ausschreibung deutlich überschritten. Insoweit wirkt die Obergrenze für Angebote hier tatsächlich limitierend. Nicht unerwartet war der Wettbewerbsdruck im Netzausbaugebiet höher, so dass der zuletzt bezuschlagte Preis um 0,2 ct/kWh oder 3,5 Prozent niedriger lag als außerhalb des Gebietes.

Werden Bürgerwindparks mit großen, professionellen Bietern, wie zum Beispiel Energieversorgern, im Ausschreibungsprozess gleichgestellt?

Nein, für Bürgerenergiegesellschaften gelten hier besondere Regelungen. Ein wesentlicher Unterschied ist, dass die Bürgerenergiegesellschaften bei der Abgabe ihrer Angebote im Gegensatz zu anderen Bietern noch keine Genehmigung nach Bundesimmissionsschutzgesetz vorlegen müssen. Dadurch können sie zu einem wesentlich früheren Zeitpunkt der Projektentwicklung an der Ausschreibung teilnehmen und erhalten frühzeitige Sicherheit bezüglich der künftigen Vergütung. Diesen Vorteil nutzten in der ersten Ausschreibungsrunde übrigens 95 Prozent der Bürgerenergiegesellschaften. Für die Realisierung des Vorhabens haben sie dann 24 Monate länger Zeit als alle anderen Bieter, nämlich 54 Monate statt 30 Monate – gerechnet von der öffentlichen Bekanntgabe des Angebotes.

Einige unserer Kunden haben auch schon an der ersten Ausschreibungsrunde teilgenommen – und Zuschläge erhalten.
- Jürgen Broers

Der zweite wesentliche Unterschied zwischen Bürgerenergiegesellschaften und den übrigen Bietern ist der Weg der Ermittlung der Zuschlagshöhe, also letztlich des Preises pro Kilowattstunde (kWh). Anders als bei den sonstigen Bietern wird der Zuschlagswert bei den Bürgerenergiegesellschaften nach dem Einheitspreisverfahren (uniform pricing) ermittelt. In dieser Ausschreibungsrunde beträgt er 5,78 ct/kWh bzw. 5,58 ct/kWh im Netzausbaugebiet und orientiert sich somit am höchsten bezugschlagten Preis. Der Zuschlagswert bei anderen Bietern ist der individuell gebotene Wert im sogenannten Gebotspreisverfahren (pay as bid). Aufgrund der Dominanz der auf den Einheitspreis angehobenen Zuschläge für Bürgerenergiegesellschaften lag der durchschnittliche Zuschlagswert in der Ausschreibung bei 5,71 ct/kWh.

Letztlich gilt doch auch hier: „Nach der Ausschreibung ist vor der Ausschreibung“, oder?

Ganz genau. Die zweite von drei Ausschreibungsrunden in 2017 beginnt am 1. August. In dieser Runde wird dann ein Volumen von 1.000 MW ausgeschrieben, ebenso wie in der Ausschreibung zum 1. November 2017. 2018 folgen dann vier Ausschreibungen über jeweils 700 MW zu installierender Leistung.

Ist die BLB auf die Herausforderungen des Ausschreibungsverfahrens eingestellt?

Auf jeden Fall. Wir haben bereits viele Gespräche mit Kunden und sonstigen Branchenvertretern zum Thema Ausschreibung geführt. Einige unserer Kunden haben auch schon an der ersten Ausschreibungsrunde teilgenommen – und Zuschläge erhalten. Hier können wir jetzt unsere gemeinsamen Bestrebungen zur Umsetzung der Windprojekte fortsetzen. Im gemeinsamen Dialog werden wir auch die künftigen Herausforderungen mit unseren Kunden angehen – und weiterhin auf Augenhöhe beraten.

Welche Signale sendet das Ausschreibungsergebnis an die Branche?

So erfreulich die hohe Erfolgsquote der Bürgerenergiegesellschaften ist, muss auch hinterfragt werden, in welchem Umfang und wann diese noch nicht genehmigten Projekte umgesetzt werden. Angesichts des auf 2.800 MW pro Jahr brutto reduzierten Zubauvolumens kann im Interesse der Erreichung der Ausbauziele und des Klimaschutzes auf keine Windenergieanlage verzichtet werden. Aus diesem Grund, aber auch im Interesse einer kontinuierlichen Auslastung der Wertschöpfungsketten, ist zu wünschen, dass bereits genehmigte, umsetzungsreife Projekte in der nächsten Runde deutlich stärker zum Zug kommen. Dies schließt ausdrücklich Bürgerenergieprojekte, die eine weit fortgeschrittene Planreife erreicht haben, ein.

Mit welcher durchschnittlichen Vergütungshöhe rechnen Sie in der zweiten Ausschreibungsrunde?

Aufgrund des hohen Angebotsüberhangs in der ersten und somit voraussichtlich auch in der zweiten Bietungsrunde gehen wir grundsätzlich von einer sinkenden durchschnittlichen Vergütungshöhe aus, aber über eine „verlässliche gläserne Kugel“ verfügen leider auch wir nicht.

Am 19. Mai 2017 wurden die Ergebnisse der ersten Ausschreibungsrunde für Windenergieanlagen an Land veröffentlicht. Demnach sind insgesamt 256 Gebote abgegeben worden, 70 Prozent stammen von Bürgerenergiegesellschaften. Das Gesamtvolumen betrug 2.137 MW. Die Ausschreibung war mehrfach überzeichnet, was von der Bundesnetzagentur als Indiz für einen funktionierenden Wettbewerb interpretiert wird. Letztlich wurden 70 Zuschläge in einem Volumen von 807 MW erteilt. Regional hatte Niedersachsen mit 246 MW den größten Anteil am zugesagten Volumen. Das erfreulich hohe Wettbewerbsniveau ermöglichte einen durchschnittlichen Zuschlagswert von 5,71 Cent.

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