Agrar- & Ernährungswirtschaft

Exporte gewinnen weiter an Bedeutung

Milchwirtschaftstag 2017: Im Gespräch mit Georg Herbertz

Georg Herbertz, Geschäftsführer der Herbertz Dairy Food Service im Milchwirtschaftlichen Zentrum Bayern, über die Bedeutung des Exports und künftige Zielmärkte für deutsche Molkereien.

Herr Herbertz, welchen Stellenwert hat der Außenhandel mit Milchprodukten für die deutsche Milchwirtschaft?

Internationale Absatzmärkte spielen für deutsche Molkereien eine immer wichtigere Rolle. In Deutschland werden zurzeit jährlich rund 32 Millionen Tonnen Milch produziert. Das ist viel mehr als im Inland verbraucht wird. Fast die Hälfte der hierzulande produzierten Milchmenge wird exportiert. Der Großteil der Milchprodukte geht in die EU-Nachbarstaaten, ein zunehmender Anteil – 2016 waren es gut 15 Prozent – wird in Drittländer exportiert. Dieser Trend wird sich auch künftig fortsetzen. Nachdem unsere angestammten Märkte in Westeuropa überwiegend gesättigt sind, konzentrieren sich die Anstrengungen mehr auf den weltweiten Markt.

Nach Putins politischem Embargo 2015 ist der Export von Milch und Milchprodukten nach Russland weggebrochen. Wer sind für deutsche Molkereien morgen die größten Abnehmer?

 

Wir dürfen nicht glauben, dass unser Wettbewerb schläft.

Der Trendmonitor „Molkereiwirtschaft“ der DLG trifft hierzu eine klare Aussage: Zukünftige Absatzmärkte sind vor allem China, Nordafrika und der Mittlere Osten. Allerdings ist Russland – zumindest mittelfristig – nicht aus dem Rennen. Schließlich schätzen die Verbraucher in Russland durchaus europäische Spezialitäten und damit natürlich auch unseren Käse und möchten nicht ständig darauf verzichten. Allerdings dürfen wir nicht glauben, dass unser Wettbewerb schläft. Inzwischen haben Molkereiunternehmen aus der Türkei und dem Iran damit begonnen, den russischen Markt zu beliefern und werden alles daran setzten die errungene Position zu behaupten.

Wie stellt sich die Situation in China dar?

China wird eine erhebliche Herausforderung bleiben.

Hier muss man berücksichtigen, dass Milch und Käse in China praktisch keine Tradition haben. Viele Chinesen lernen diese Lebensmittel erst in jüngster Zeit kennen, womit natürlich – bei einer Bevölkerung von rund 1,3 Milliarden Menschen – ein erhebliches Potenzial angesprochen ist. Zudem werden in China die westlichen Kultur- und Konsumgewohnheiten mit all ihren Vor- und Nachteilen immer populärer. Trotzdem wird China eine erhebliche Herausforderung bleiben. Ein Blick auf die demografische Entwicklung zeigt den enormen Anstieg der älteren Bevölkerung, die von einer schwindenden Arbeitsbevölkerung mitversorgt werden muss.

Welche Produkte werden auf dem chinesischen Markt erfolgreich sein?

Neben typischen Commodities wie Milchpulver und Molkederivate, sind es derzeit vor allem die UHT-Milchprodukte, die bei den chinesischen Verbrauchern großes Vertrauen besitzen und dank günstiger Transportkosten tatsächlich wettbewerbsfähig angeboten werden. Die lokalen Produzenten werden aber sicherlich aufholen, so dass wir uns langfristig mehr auf die höher veredelten Produkte, wie zum Beispiel Käse und natürlich auf jene Produkte konzentrieren, die bei der Produktion von Lebensmittel als Ingredients von Bedeutung sind.

Inwieweit werden Unternehmen aus China  eine ernstzunehmende Konkurrenz für deutsche bzw. europäische Molkereien?

Der Sektor der Milcherzeugung wird seit Jahren sehr professionell ausgebaut, so dass die Milchqualität und die Mengen internationalen Maßstäben standhalten. Dies gilt auch für eine Reihe von Molkerei-Betriebsstäten. Allerdings hat die chinesische Milchindustrie ein Glaubwürdigkeitsproblem, dem man unter anderem durch Kooperationen mit ausländischen Unternehmen begegnen möchte. Wir haben sicherlich davon auszugehen, dass die großen Milchverarbeiter aus China am Weltmarkt auftreten werden, zumal dies auch seitens der Politik gewünscht wird.

Welche Rolle spielt Afrika?

Auch wir Verbraucher tragen eine Mitschuld an der aktuellen Situation in Afrika.

Hier entsteht der nächste stark wachsende Markt, wie verschiedene internationale Milchkonzerne und auch die Lebensmittelindustrie längst erkannt haben. Wenn wir die demographische Entwicklung der kommenden Jahre betrachten, so können wir davon ausgehen, dass bis 2050 etwa eine Milliarde zusätzliche Verbraucher in Afrika zu versorgen sind. Dieser Umstand bedeutet für uns alle – nicht nur in Afrika – eine große Herausforderung. Ohne den Blick auf Bildung, Gesundheit und Arbeit und damit auf eine ausreichende Beschäftigung der Bevölkerung und einen deutlichen Anstieg der Kaufkraft, werden sich unsere Vorstellungen vom Export nicht tatsächlich realisieren lassen.

Was ist also zu tun?

Wir müssen den Afrikanern die Chance geben, Geld zu verdienen, um in ihrem Land  Kaufkraft zu entwickeln. Das bedeutet, dass wir am Ende weniger Lebensmittel in die afrikanischen Länder exportieren. Vielmehr müssen wir dort produzieren und versuchen, vor Ort Kooperationspartner zu finden. Das Wichtigste ist, dass wir die Perspektivlosigkeit der Menschen vor Ort beseitigen. Dann werden im Übrigen auch weniger Menschen auf Flüchtlingsboote steigen müssen. Und schließlich tragen auch wir Verbraucher eine Mitschuld an der aktuellen Situation in Afrika.

Warum?

Weil wir gerade in Deutschland Lebensmittel besonders günstig einkaufen wollen. Hierzu ein Beispiel: Wir kaufen sehr preiswerte Tomaten aus Spanien. Diese werden dort von Afrikanern geerntet – oft zu Hungerlöhnen. Diese Arbeiter schicken einen Teil des wenigen Geldes, das sie verdienen, zu ihren Familien nach Hause. Das Geld reicht aber nicht aus, um für die Kinder das Schulgeld zu bezahlen und die Ausgaben des täglichen Lebens zu stemmen.  Somit fehlt es auch weiterhin an Bildung, Gesundheit und Fortschritt, was dann wiederum ein wesentlicher Treiber hoher Geburtenzahlen ist. Diesen Kreislauf gilt es vor allem in den Ländern südlich der Sahara zu durchbrechen und die Perspektiven zu verbessern, so wie es unser Entwicklungshilfeminister in seinem Marshallplan für Afrika gerade noch gefordert hat.

 

 

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