Agrar- & Ernährungswirtschaft

Lösungsansätze für die Mühlenwirtschaft

Interview mit Michael Gutting, geschäftsführender Gesellschafter der Saalemühle Alsleben GmbH

„Das A und O ist die vollkommene Fokussierung auf den Kunden“

Michael Gutting, geschäftsführender Gesellschafter der Saalemühle Alsleben GmbH, über künftige Anforderungen und Lösungsansätze für die Mühlenwirtschaft.

Der wesentliche Erfolgsfaktor eines Müllers ist, dass er sich schnell an veränderte Kunden- oder Rohstoffanforderungen anpassen kann. Das sagt Michael Gutting, Geschäftsführer und Inhaber der Saalemühle Alsleben GmbH in Sachsen-Anhalt. Die Saalemühle liegt inmitten der fruchtbarsten Anbaugebiete für Qualitätsweizen in Europa. Sie verarbeitet innerhalb von 24 Stunden rund 1.300 Tonnen Weizen. Beim Commodity-Tag der NORD/LB zeigte Michael Gutting die künftigen Herausforderungen für die Mühlenwirtschaft auf.

Herr Gutting, als Müller bewegen Sie sich in einer dynamischen Branche. Wie setzt sich Ihr Umfeld zusammen?

Ein wichtiger Stakeholder ist die Landwirtschaft, die nicht zuletzt aufgrund immer strengerer Vorgaben aus nationaler und europäischer Politik vor großen Herausforderungen steht. Ganz zu schweigen von medialen Einflüssen: Modernen Unternehmern wird heute gerne Profitgier unterstellt. Dass sie der Gewinnmaximierung das Pflanzen- und Tierwohl unterordnen. Ein weiterer Einflussfaktor sind die Bäckereien. Ihre Zahl geht – insbesondere im Handwerkssektor – immer mehr zurück. Dagegen nehmen die Verkaufsstellen im Lebensmitteleinzelhandel zu. Wenn Sie heutzutage beispielsweise zu einem Discounter gehen, werden Sie wahrnehmen, dass es dort nach Backwaren riecht. Das gab es vor einigen Jahren noch nicht. Für die Verbraucher ist das toll. Sorgen macht mir allerdings, dass auch die Macht des Lebensmitteleinzelhandels beim Absatz klassischer Backwaren immer stärker wird und Bäckereien einen großen Margendruck spüren.

Verbraucher erwarten, dass Produkte immer individueller werden. Und dass sie zu jeder Zeit in bester Qualität verfügbar sind.

Welchen Einfluss nimmt der Verbraucher auf Ihr Geschäft?

Einen großen – weil sich dessen Konsumverhalten und Essgewohnheiten dramatisch ändern. Verbraucher erwarten, dass Produkte immer individueller werden. Und dass sie zu jeder Zeit in bester Qualität verfügbar sind. Plötzlich spielt es eine Rolle, dass Produkte regional sind. Dass sie nachhaltig sind. Und natürlich preiswert. Es ist schon bemerkenswert, dass die Deutschen lediglich gut zehn Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben. Das zeigt, welchen Beitrag die Lebensmittelindustrie für unseren Wohlstand bringt.

Kommen wir zu den Mühlen: Wie stellt sich die Situation für sie dar?

Auf den ersten Blick gut. Schließlich ist die Zahl der Mühlen seit Jahrzehnten rückläufig, die Vermahlung über die Jahre jedoch leicht gestiegen. Wer aber hinter die Kulissen schaut, merkt: Die Überkapazitäten sind weiterhin enorm hoch und es herrscht ein hoher Margendruck. Zudem reagieren wir immer stärker auf die steigenden Anforderungen der Verbraucher und stellen somit immer mehr Endproduktrezepturen her. Die Volatilitäten steigen, die Risiken nehmen zu.

Während die Landwirte früher bei uns Müllern Schlange standen und geduldig auf die Entladung ihres Getreides warteten, holen wir es heute von den Feldern ab, lagern es ein und trocknen es.

Wie und wo setzen Sie den Hebel an?

Indem wir Bündnisse schmieden. Die Saalemühle arbeitet mit rund 300 Landwirten zusammen, die etwa 1,1 Millionen Tonnen Weizen produzieren. Zudem haben wir einen starken Partner im Getreidehandel. Darüber hinaus bieten wir unseren Kunden eine leistungsfähige Logistik. Während die Landwirte früher bei uns Müllern Schlange standen und geduldig auf die Entladung ihres Getreides warteten, holen wir es heute von den Feldern ab, lagern es ein und trocknen es. Dafür haben wir eine Lagerkapazität von 250.000 Tonnen aufgebaut. Mit diesem Service sichern wir uns den Weizen vor Ort.

Die Saalemühle beschäftigt 100 Mitarbeiter. Welchen Stellenwert spielt das Thema Ausbildung für Sie?

Wir benötigen auf jeden Fall qualifiziertes Personal. Menschen, die über den Tellerrand blicken. Als Müller sollten Sie zum Beispiel wissen, wie der Landwirt auf dem Acker arbeitet und vor welchen Herausforderungen er steht.

Muss eine Mühle möglichst groß sein, um überleben zu können?

Eine gewisse Größe ist sicherlich nötig, um wirtschaftlich arbeiten zu können. Allerdings ist die Größe an sich kein strategischer Vorteil. Wichtig ist auch der Standort. Er bestimmt die Spezifika einer Mühle, und er steht und fällt mit den Rahmenbedingungen. Das alles Entscheidende für den wirtschaftlichen Erfolg einer Mühle ist aus meiner Sicht aber der Blick auf die Kunden. Die vollkommene Fokussierung auf sie ist das A und O. Für ihre Wünsche müssen wir Lösungen bieten.

Ihr Tipp?

Seien Sie anpassungsfähig, reaktionsschnell und investitionsfreudig.

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